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|  NL-P-sychotherapie (NLP als eigenständige Psychotherapie/NLPt)
Die Begründer Grinder und Bandler betrachteten das NLP als eine Sammlung besonders wirksamer Verfahren, entnommen aus den in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts besonders bekannten Psychotherapieschulen. Was zunächst nur eine Sammlung war, das soll seit einigen Jahren "Eigenständigkeit" beanspruchen.
Immer häufiger hört und liest man, die NLPt (Neurolinguistische Psychotherapie) beanspruche Anerkennung als eigenständige Therapieform, teilweise wird sogar megalomanisch von einem Aufgehen der anderen Therapierichtungen in einer integrativen NLPt geträumt. Dies wird sicherlich nicht geschehen.
Es stellt sich aber die Frage, ob die NLPt das Potential hat, für sich in Anspruch nehmen zu können, ein eigenständiges wissenschaftlich begründetes Psychotherapieverfahren sein zu können. Hierzu müßten folgende Bedingungen erfüllt sein: Erstens müßte die NLPt einen völlig neuen und eigenständigen psychotherapeutischer Ansatz vorweisen, der in den anderen Psychotherapieschulen so nicht verwirklicht ist. Zweitens müßte dieser eigenständige Ansatz in einer allgemeinen Theorie psychischen Funktionierens mit daraus ableitbarer Diagnostik und Ätiologie der Krankheitsbilder ausformuliert sein. Drittens müßten Wirksamkeitsnachweise der NLPt vorliegen, die wissenschaftstheoretischen Standards genügen. Zu diesem Zweck müßte die NLPt entweder eine eigenständige Wissenschaftstheorie angeben, oder aber zumindest den derzeit gültigen wissenschaftstheoretischen Standards entweder der Naturwissenschaften oder der Empirischen Sozialforschung genügen.
Worin könnte nun der eigenständige psychotherapeutische Ansatz der NLPt liegen? Worin besteht der so in den anderen psychotherapeutischen Schulen nicht vorfindbare theoretische und methodische Ordnungsträger, über den das therapeutische Handlen ableitbar und begründbar wird. Der Ordnungsträger der Psychoanalyse ist die "Rekonstruktion einer durch Verdrängung gestörten psychischen Sinnstruktur". Der Ordnungsträger der Verhaltenstheorie liegt in der konsequenten "Logifizierung von Reiz-Reaktions-Ketten mittels der raum-zeitlichen Assotiationsgesetze". Der Ordnungsträger der Gestalttherapie liegt in der "Komplettierung psychischer Abläufe im Sinne der allen psychischen Gestalten innewohnenden Schließungsabsicht".
Was ist der Ordnungsträger im NLP? Ich erkenne zwei Ordnungsträger. Der eine Ordnungsträger liegt bereits im Nanen des NLP, den man sich gar nicht oft genug in seinem ureigensten Wortsinn vergegenwärtigen sollte, nämlich "Neuro"-"Linguistisches"-"Programmieren", und der andere Ordnungsträger liegt in der gar nicht hoch genug einzuschätzenden Erkenntnis, daß das Psychische offensichtlich "räumlich organisiert" ist. Indem es dem NLP und der NLPt gelingt, ausgehend von diesen beiden Ordnungsträgern zu einer Logifizierung der sich daraus ergebenden theoretischen und praktischen Konsequenzen voran zu schreiten, kann sie zu einem eigenständigen theoretischen wie wissenschaftstheoretischem Gebäude kommen und dann auch für sich in Anspruch nehmen, eine eigenständige Psychotherapie zu sein.
Was ist mit den beiden "Ordnungsträgern" des NLP gemeint? Es ist damit gemeint, daß das NLP anders als die Psychoanalyse und auch anders als die Verhaltenstherapie einen "biologisch-neurologischen" Ansatz hat. Die Psychoanalyse und die Verhaltenstherapie würden zwar letztlich zugeben, daß das Psychische eine biologisch-neurologische Grundlage hat, mit dieser verbalen Zubilligung ist es dann aber auch bereits getan. Weder Psychoanalyse noch Verhaltenstherapie denken letztlich aus einer neurologischen Position heraus. Die Psychoanalyse denkt in psychischen "Sinnwelten" und logifiziert von dort aus die Funktionsprinzipien des Psychischen, die sie dann in Phänomenen wie Verkehrung, Widerstand, Verdrängung, Regression usw. findet. Die Verhaltenstherapie kommt vom umgekehrten Ansatz her an die Sache heran: hier geht es nicht um Sinnwelten, sondern es geht um Reizinput und Reaktionsoutput bei einem Black-Box-Modell. Auch in diesem Modell ist das Denken aus einem neurologischen Funktionsverständnis heraus eher nebensächlich. Ob man nun Vertreter einer dieser beiden Schulen ist oder nicht, man muß beiden psychotherapeutischen Systemen zugute halten, daß sie von einem Grundansatz her denken und sich bemühen, ihre theoriegeleitetes Handeln von ihrer jeweiligen Grundposition aus zu logifizieren, zu begründen und vorhersehbar zu machen. Erst durch die Angabe dieser Ableitungsregeln unterscheidet sich wissenschaftlich begründetes von unwissenschaftlichem Handeln.
Wenn die NLPt sich selbst ernst nimmt, dann leitet sie ihr theoriegeleitetes psychotherapeutisches Handeln zu jedem Zeitpunkt ihres Vorgehens aus dem mitgedachten Ordnungsträger ab, daß unser Psychisches komplett in "neurologischen Speichern" abgelegt ist, die wir sogar mittels Kernspintomographen sichtbar machen können. Das gesamte therapeutische Vorgehen ist nur dann "neurolinguistisch" zu nennen, wenn es darauf ausgelegt ist, den Inhalt dieser Speicher auf einer neuro-psychologischen Ebene zu verändern. Der Inhalt dieser Speicher setzt sich aus visuellen, akustischen, kinästhetischen, olfaktorischen und gustatorischen Gesamtgebilden zusammen, die wir nicht nur "entäußert" darstellen können (z.B. ist die "Timeline" eine entäußerte Darstellung der neurologischen Speicherung der Chronologie von Abläufen), sondern in der Entäußerung auch therapeutisch bearbeiten (Reimprinting der Timeline) und auch wieder neurologisch speichern können. Nur wenn das therapeutische Vorgehen zu diesem mitgedachten Ordnungsträger paßt und hierauf abgestimmt ist, kann das Gesamtverfahren sich "neurolinguistisch" nennen. Der Denkansatz der NLPt ist nur dann in sich stimmig, sinnvoll und wissenschaftlich zu nennen, wenn sich das Vorgehen aus dem selbstgesetzten Ordnungsträger ableiten läßt, - und nur dann haben die "Formate" der NLPt ihren Sinn. Psychotherapeutische Vorgehensweisen, die dies in ihrem Vorgehen nicht berücksichtigen (z.B. "Sinnsuche"), haben sicherlich ihr Existenzrecht, befinden sich aber nicht dem theoretischen Boden der NLPt, weil sie nicht mehr aus dem Ordnungsträger der NLPt ableitbar und begründbar sind. Wissenschaftliches Vorgehen ist von unwissenschaftlichem Vorgehen dadurch unterschieden, daß es ein angebbares Wissen um die Ableitungsschritte des Handelns aus begründeten Vorannahmen gibt.
Der zweite zumindest gleichrangige Ordnungsträger der NLPt ist die wirklich neue Seherfahrung, daß das Psychische räumlich organisiert ist. Was ist damit gemeint? Nun, das Psychische scheint Platzanweisungen zu vergeben. So wird z.B. die Zeit räumlich (!) dargestellt. (Die Vergangenheit liegt hinter uns, die Zukunft liegt vor uns.) Die Psyche transformiert Zeit in Raum. Das ist eigentlich nicht logisch, denn was hat Zeit mit Raum zu tun (?) - aber obwohl das unlogisch ist, ist es für unsere Psyche irgendwie doch logisch, - es ist eben psycho-logisch, es ist eine psycho-logische Realität, und das ist nicht die Realität, die uns in anderen Lebensbereichen begegnet. Diese räumliche Transformation geschieht nicht nur mit dem Phänomen "Zeit", sondern mit allen psychischen Phänomenen. Und zwar bedient sich die Psyche dabei ihrer Fähigkeit, "Bilder" erzeugen zu können. Bilder haben immer den Vorteil, automatisch örtliche Platzanweisungen vorzunehmen und vornehmen zu müssen. Wenn ich also z.B. an meine Kindheit denke, dann liegt das nicht nur räumlich vor oder hinter mir, sondern es kommt auch immer irgendein Bild aus meiner Kindheit hinzu, und auch in diesem Bild gibt es dann einen Vordergrund, einen Hintergrund, es gibt Gegenstände, Personen und all das was ich in diesem Bild sehe und mir "vor-stelle" (was ich also vor mich hin stelle) unterliegt einer räumlichen Platzanweisung. Das Psychische scheint gar nicht anders zu können, als alle Eindrücke in bildhafte Platzanweisungen übersetzen zu müssen. Wenn man dieses Prinzip einmal verstanden hat, dann wird klar, wieso das "Drei-Positionen-Modell", eine "Timeline", die "Fast-Phobia-Technik" und all die anderen Formate des NLP wirken. Sie nutzen nämlich alle ohne es laut zu betonen das im Psychischen wirkende Raummodell aus. Wenn das Psychische aber schon ein Bild von der eigenen Familie entwerfen kann, in dem es räumliche Platzanweisungen für die Familienmitglieder gibt (Raumanker auslegen), dann kann ich in diese Räumlichkeiten natürlich auch hinein- und herausgehen und schon bin ich bei der Aufstellungsarbeit, auf der Timeline und in all den anderen Formaten. Die räumliche Organisiertheit des Psychischen ist als Ordnungsträger weder von der Psychoanalyse noch von der Verhaltenstherapie erkannt, theoretisch verarbeitet, geschweige denn therapiewirksam ausgenutzt worden. Deshalb finden klassische Psychotherapien in der Regel im Sitzen oder auf der Couch statt. Ein Hineingehen in die örtliches Repräsentationen des Psychischen (Timeline) ist hier nicht vorgesehen, - entsprechend wird auf die hierdurch möglichen Wirksamkeiten verzichtet. In diese Lücke stößt der grundlegend neue Denkansatz der NLPt.
Was dem NLP und der NLPt fehlt, ist eine von ihren Ordnungsträgern aus vorgenommene in sich stimmige Theoriebildung, die dann eine Platzanweisung (schon wieder eine Platzanweisung) für die bisher eher fragmentarisch bestehenden Theoriestücke und die Formate des NLP liefert. Erst wenn dies geleistet und eine dazu gehörende Wissenschaftstheorie mit dem Aufweis der Möglichkeit zur Erbringung von Wirksamkeitsnachweisen aufgestellt ist, dann kann die NLPt für sich beanspruchen, eine eigene Therapierichtung zu sein. Es bleibt die Frage, ob die NLPt dies überhaupt möchte, denn derzeit ist das NLP und die NLPt doch stolz darauf, eher eklektizistisch und frei von ausgefeilten und einengenden Theoriestücken zu sein.
Die vor uns liegende Zukunft wirds zeigen.
Üxheim, den 10.11.2005
Update 17.02.06
© Dr. Franz-Josef Klar
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